28.07-2026 - Teil 3 - ostwärts?
Das veröffentlichte Logbuch leidet etwas unter der geschwächten Schreiblust des Skippers. Die Abstände zwischen den Berichten verlängern sich. Es sei in diesem Zusammenhang erwähnt, dass parallel an Bord selbstverständlich ein nautisches Logbuch geführt wird, mit den wichtigsten Fahrtdaten, Wetterverhältnissen usw.. Der guten Seemannschaft werden wir gerecht.
Um keinen Marstal-Koller zu bekommen, sind wir am 23. Juli nach Bagenkop gesegelt. Der kleine Schlag sollte auch bei viel Westwind möglich sein. Der Skipper sprach in der Planung von 'rüber treiben lassen'. Ganz anders hat sich die Fahrt dann doch präsentiert: Eine mächtige alte Welle von der Seite, gepaart mit tüchtig raumem Wind machte den kurzen Trip trotzdem unangenehm, erträglich nur seiner Kürze wegen. Es gab in Bagenkop viele frei Plätze, so dass wir wählen konnten. In der ersten Reihe, recht gut vor Wind geschützt, machten wir fest. Das befreundete Seglerpaar von der SY Hedda traf kurz nach uns ein. Wir hatten mit unserer Abfahrt deren Plan durchkreuzt, uns in Marstal zu besuchen. Also kam auch die Hedda nach Bagenkop. Wir hatten zwei nette Abende miteinander und insgesamt eine ganz erfreuliche Zeit dort, während draußen der Wind eine komfortable Weiterreise vereitelte.

Erst am Sonntag beschlossen wir einen weiteren Törn, der uns Erfahrung bescheren sollte: Seit Beginn der Reise schwebte der Begriff 'Lolland' im Raum, aber wir wollten uns keine Ziele setzen, und deshalb wurde das nur gedacht, nicht ausgesprochen. Nun aber schien die Reise machbar. Und obwohl der Skipper am Vorabend die Prognose für den starken Gegenstrom im Großen Belt gesehen und erwähnt hatte, waren wir der Überzeugung, diesem Umstand trotzen zu können - weit gefehlt: Nach der Umrundung der Südspitze Langelands gingen wir mit leichtem halben Wind auf Kurs der Anfahrtsrinne nach Nakskov, also Richtung Nord-Ost diagonal über den Großen Belt. Es gabe eine Menge Verkehr von 'dicken Pötten', aber das sind wir als Bewohner der Kieler Förde gewohnt, so dass wir uns gefahrlos (wenn auch aufmerksam angespannt) durch das Verkehrstrennungsgebiet schlengeln konnten.

Nur leider kamen wir irgendwann trotz Maschinenunterstützung unter Vollzeug fast nicht mehr voran! Die Logge, die die Geschwindigkeit im Wasser misst, zeigte fast sieben Knoten, aber über Grund waren es nur noch 1,9 Knoten! Zu dem Gegenstrom kam eine hässlich aufgewühlte See - nicht nur von den Pötten rings um uns herum, sondern auch von der Situation 'Strom gegen Wind'. Die errechnete Ankunftszeit rückte immer weiter vor, bis nach Sonnenuntergang, und so beschlossen wir den Abbruch der Fahrt, die Kapitulation vor den Elementen, glücklicherweise ohne Gefahr und mit einem Plan B: Spodsbjerg. Zwar mussten wir auch dorthin weiter gen Norden, aber wir konnten raus aus dem starken Strom in der Mitte des Großen Belts, rein in das Neerwasser an der Küste. Dort kamen wir vernünftig voran und erreichten am frühen Abend nach einer gewonnenen Regatta mit einem ebenfalls dorthin segelnden Boot im Sprühregen Spodsbjerg. Der Hafen bot viel freien Platz. Wir suchten eine Box zwischen zwei etwas größeren Booten aus. Mit guter Kenntnis der Wetterprognosen empfahl die Bordfrau den sofortigen Aufbau der Kuchenbude. Während wir in der einige hundert Meter entfernten Poelserbude einen leckeren Burger mit noch viel leckereren Fritten verspeisten, ging ein satter Regen über den Ort, aber unser Cockpit blieb durch die Weitsicht der Bordfrau trocken. An die Nutzung der bordeigenen Kombüse war nach den Anstrengungen des Tages nicht mehr zu denken, und wir machten die Erfahrung, dass es neben den von uns als beste Pommes ausgezeichneten Fritten in Söby, noch die in Spodsbjerg gibt, die ebenfalls herausragend gut sind und von gänzlich anderer Machart! Nach den seefahrerischen Erfahrungen nun auch noch ein kulinarisches Erlebnis - was für ein erfüllter Tag! Halbwegs trockenen Fußes schafften wir es wieder an Bord und fielen annähernd sofort in versteinerten Schlaf.
Den darauf folgenden Tag wollten wir gezielt im Hafen verbringen. Wir freuten uns auf's Ausschlafen, auf ein ausgiebiges Frühstück, auf's Faulenzen und Entspannen. Während der Skipper sich diesen Leidenschaften grenzenlos hingeben konnte, erfuhr die Bordfrau gegen Mittag einen Bewegungsdrang und ging ausgiebig spazieren. Nach einer halben Stunde Abwesenheit empfing der Skipper einen Anruf der Kundschafterin: "Hier liegt eine Baby-Robbe am Strand! Was kann man da tun?"

"Fernbleiben" war die spontane Antwort. Nach etwas Hin und Her und ein bisschen Recherche konnten wir die Situation als Normalität einordnen. An der Südküste Lollands leben Robben in Kolonien. Diese Robbe war wohl etwas (~ 20 Meilen, ein Katzensprung für den Meeressäuger) entfernt und sonnte sich am Strand. Das Tier war klein, aber kein Heuler - und einige Stunden später, bei einem Kontrollspaziergang, war es eben einfach wieder verschwunden. Die Lebensräume der Meeresbewohner sind uns beiden weitestgehend unbekannt - und ganz offensichtlich gibt es auch immer mehr außergewöhnliche Beobachtungen. Kurz vor unserer Reise spielte sich das Drama um den Buckelwal 'Timmy' ab, und während wir nun die Ostsee befahren, ist schon wieder ein Buckelwal in Flensburg, Kiel und erneut vor Wismar unterwegs. Mutter Natur scheint Botschaften zu senden, die allerdings bekanntlich auf taube Ohren stoßen bei denen, die Armlänge hätten.
Der Westwind war am Dienstag etwas schwächer angesagt, was uns einen zweiten Anlauf zur Querung des Großen Belts in Angriff nehmen ließ. Wieder nur unter Genua und unter Berücksichtigung des Stroms durch einen angemessenen Vorhalt haben wir es dann auch geschafft. Einmal auf der anderen Seite angekommen, fuhren wir in eine lange, gut betonnte Rinne, die wir vollständig durchsegeln konnten, bis in die Innenstadt von Nakskov. Dort macht man längsseits an der Promenade fest, und es war reichlich Platz frei. Spontan waren wir etwas enttäuscht vom ersten Eindruck: Hinter den Liegeplätzen hatten wir Cafés, Boutiquen, Musik und buntes Treiben erwartet, stattdessen fanden wir einen Fußweg vor, dahinter eine vielbefahrene Hauptstraße und eine schlichte Häuserreihe, wenig hygge, ziemlich langweilig.

Kurz nach uns lief eine größere Yacht mit einem Seglerpaar ein, die uns Nakskov als attraktives Ziel bei einem kurzen Gespräch in Bagenkop empfohlen hatten. Wir verabredeten uns für den Nachmittag zu einem Erfrischungsgetränk, bevor wir einen Spaziergang durch die Stadt machten. Auch während dieser Erkundung empfanden wir die Innenstadt als öd. Viel Leerstand und 'Til Salg'-Schilder, verrottete und verwaiste Gebäude, geschlossene Geschäfte - kein Ort zum längeren Verweilen. Bei dem verabredeten Treffen mit dem Seglerpaar erfuhren wir, dass der Tipp quasi 'second hand' war: Man habe ihnen gesagt, dass.... Naja, nun hatten wir einen eigenen Eindruck - und mit dem Betreten von Lolland-Boden einen Meilenstein.
Leichter Südwind brachte uns am Mittwoch genauso gut segelnd durch die Rinne hinaus auf den Großen Belt, wie wir am Nachmittag zuvor rein gekommen waren - keine Selbstverständlichkeit und daher umso erfreulicher. Am Ausgang der Rinne legten wir Nordkurs, offen, ob wir um Langelands Nordspitze herum oder zu der Insel Omø wollten. Die Backstagsbrise war so schwach, dass wir - selbst mit dem nordwärts setzenden Strom - kaum voran kamen. So konnte der Große Belt ziemlich lang werden. Wir packten also unseren Gennaker aus und begannen vor dem Wind zu kreuzen.

Einigen Containerfrachtern mussten wir ausweichen aber die Fahrt mit dem großen Tuch machte seglerisch zufrieden. Aus Sorge vor einem überfüllten Hafen auf Fynen, der wohl Lundeborg gewesen wäre, entschieden wir uns unterwegs für Omø, auch, weil wir dort beide noch nicht waren.
Auf Höhe der Südspitze von Omø drehte der Wind schlagartig um 40° links. Unsere letzte Halse war schlecht, so dass wir eine schöne Sanduhr im Gennaker hatten. Es dauerte ein bisschen, bis wir das Segel wieder klar hatten und vernünftig geborgen hatten. Danach ging's hoch am Wind zu dem an der Nordseite gelegenen Hafen der Insel. Dieser war ebenfalls übervoll, aber wir fanden im zweiten Versuch einen brauchbaren Platz im Päckchen.

Bei der folgenden Klarschiff-Aktion stolperte der Skipper erneut über irgendetwas, stürzte wir bereits vor zwei Wochen ins Cockpit und verrenkte sich erneut den bereits zweimal verbogenen Knöchel, der gerade einigermaßen auf dem Weg der Heilung schien. Der böse Schmerz erzeugte Schwindel und nach Wahrnehmung der zur Hilfe eilenden Bordfrau womöglich eine kurze Zeit der geistigen Abwesenheit. Es wurde sogar erwogen, einen Notruf auszulösen. Glücklicherweise konnte bald entwarnt werden, weil sich der Gestürzte wieder berappelt hatte und von vielen helfenden Menschen gut umsorgt wurde. Selbst der herbeigerufene Hafenmeister Jesper trug mit einem Beutel Eiswürfeln zur spontanen Behandlung der Verletzung bei. Trotzdem hinterließ der Unfall einen gro0en Schrecken, insbesondere bei der Bordfrau.
Mit der neuen Situation war das ohnehin angedachte Verweilen auf der Insel festgeschrieben. Wir mussten am kommenden Morgen das Päckchen auflösen, weil ein innen liegender Fahrensmann früh ablegen wollte. Dabei fand sich ein neuer, regulärer Liegeplatz, und die Einschränkung der Mobilität des Skippers erwies sich als handhabbar. Der Knöchel bekam den ganzen Tag Ruhe, erhöhte Lagerung, Kühlung und Bandage. So wurde zwar die Insel nicht erkundet, aber allein bereits die Stimmung im Hafen hinterließ einen wunderbaren Eindruck. Nicht zuletzt entstand daraus die Gelegenheit, das öffentliche Logbuch weiter zu führen....





