3W26 - Teil 4

7.8.2026 - Teil 4 - die letzten Tage

Omø erwies sich als das, was der Südseesegler sich für seine Fahrten erhofft: Ein abgelegenes Plätzchen mit viel Natur, Strand, Sonne, ein wenig vernünftige Infrastruktur und Versorgung. Auf der Insel leben rund 150 Menschen, in diesen Tagen waren wahrscheinlich mindestens zehnmal so viele da. Nach unserer zweiten Nacht in dem kleinen Hafen entspannte sich die Liegeplatzsituation, es bestand keine Überlastung mehr. Mit der Idee, den Knöchel auch zu mobilisieren, wagten wir einen Spaziergang zum Mittelpunkt der Insel, wo es einen kleinen Shop geben sollte, der uns mit dem Nötigsten versorgen könnte. Die knapp eineinhalb Kilometer führen entlang von Getreidefeldern und wilden Wiesen. Leicht erhöht hat man einen Ausblick über die Landschaft, der die Sorgen der Umwelt komplett vergessen macht. Hier scheint die Welt in Ordnung zu sein. Wir waren einmal mehr beeindruckt, mit wie viel Liebe und Fleiß die dänischen Bewohner die gesamte Insel inklusive Bebauung und Flora in Schuss halten. An jeder zweiten Ecke gibt es charmante Details, Verzierungen oder Kunstgegenstände, die Gärten sind penibel gepflegt und die Menschen sind freundlich und glücklich. Wir fühlten uns beschenkt, zu dieser Zeit an diesem Platz sein zu dürfen. Etwas irritierend war der Auftritt eines Paares mit ihrem Motorboot, allein wegen des Formats desselben. An der Seite stand 23m, und das dürfe wohl die Länge des Wasserfahrzeuges beschreiben, auf dem die beiden sich tragischerweise den Platz teilen mussten. Naja, so kann man sich wenigstens aus dem Weg gehen. (Eigentlich wollte der Schreiber dieses Logbuchs hier ein Bild der riesigen Motoryacht einfügen, aber mit etwas Abstand wird der Raum lieber für ein anderes Bild genutzt, nämlich den Blick auf die weit entfernte Große-Belt-Brücke im Abendrot, das unter den Wolken erschien. Das macht erheblich mehr her als ein großes Motorboot.)

Nach drei Nächten verließen wir Omø, einerseits, weil sich wetterbedingt die Möglichkeit dazu bot, außerdem, weil wir auch noch andere Orte sehen wollten - und weil der vorherrschende Westwind uns dazu motivierte, jede nach Westen gesegelte Meile als Guthaben zu empfinden. Wir wollten also den angesagten nordwestlichen, schwachen Wind dazu nutzen, um die Nordspitze Langelands anzusteuern. Der leicht nördlich setzende Strom im Großen Belt sollte uns dabei unterstützen, doch leider scheiterte unsere Idee an mehreren Punkten: Der ohnehin schwach angesagte Wind schlief annähernd ganz ein und der Verkehr der von uns nur noch 'Pötte' genannten Schifffahrt zwang uns zu Wartephasen und Maschinenunterstützung ausgerechnet bei der Querung des Verkehrsweges. Erst bei Annäherung an die Insel Langeland kam wieder Wind auf und wurde an der Nordspitze derart gestreut und böig, dass ein einfallender Windstoß der Bordfrau ziemlich das Herz in die Hose rutschen ließ, obwohl sie vom Steuermann, der die Wasseroberfläche gelesen hatte, einige Sekunden vorher gewarnt wurde. Westlich der Nordspitze lauerte dann gleich die nächste Herausforderung: Eine in Nord-Süd-Richtung sich weit erstreckende Flachstelle sollte eigentlich nördlich umfahren werden. Das war uns aber ein zu weiter Umweg und so suchten wir eine Stelle zwischen den Untiefen, die für unsere Santanita passierbar wäre. Das gelang unter großer Aufmerksamkeit auf den Tiefenmesser, und von dort ging es dann mit sportlichem Wind bis vor die Hafeneinfahrt von Lundeborg. Wir waren einmal mehr sehr erstaunt, was ein scheinbar einfacher Plan für Wendungen nehmen kann, um am Ende für eine recht nervenaufreibende Fahrt zu sorgen.

Der Hafen von Lundeborg war gut gefüllt. Bei der Einfahrt in den Liegeplatzbereich für Yachten unserer Art wurden wir gleich von zwei Booten lautstark begrüßt - und in ein anderes Hafenbecken verwiesen, weil dieses vollständig belegt war. So prominent begrüßt zu werden, hat uns natürlich überrascht. Von dem einen Boot schallte es "Von denen haben wir unsere Moquito gekauft!", und tatsächlich handelte es sich um das deutsch-dänische Paar, dem wir vor fünf Jahren unsere erste Santanita in gute Hände übergeben hatten. Die andere grüßende Crew war wieder die Familie, die am heimischen Vereinssteg direkt gegenüber der Santanita liegt und mit denen wir bereits in Marstal zusammengetroffen waren. Wir fanden einen improvisierten Liegeplatz in dem Hafenbecken, wo die kleine örtliche Werft ihre Slipbahn hat, direkt vor den Schienen, auf denen Schiffe in der Größe von Fischkuttern trocken gezogen werden können. Als der Hafenmeister kurz nach dem Festmachen zu uns kam, befürchteten wir gleich, dass wir dort nicht liegen dürften, aber er gab den Platz frei. Auf die Frage nach der Tiefe beruhigte er uns ebenfalls: Etwas weiter hinten am Steg sei es drei Meter tief. Das wurde uns offensichtlich, nachdem wir nach einem Rundgang zu den Bekannten nach rund zwei Stunden wieder zum Boot kamen und die Santanita uns ein beträchtliches Stück Rumpf unter dem Bug zeigte.

Das Wasser war zwischenzeitlich schnell gefallen und das Boot stand auf dem Kiel, gefesselt und angelehnt an den Steg. Erst mit einem energischen Einsatz von Seil und Winsch konnten wir wieder Wasser zwischen Kiel und Grund bekommen, indem wir uns zum Ende des Steges zogen, was bis zu unserer Abreise für die sprichwörtliche Handbreit sorgen sollte, selbst, als am Abend alle Bekannte an Bord mit uns zusammentrafen, um ein paar Erfrischungen zu konsumieren und etwas Seemansgarn auszutauschen. Es war ein schöner Abend mit tollen Menschen und interessanten Themen. Der folgende Tag diente zum Ausschlafen, zur weiteren Pflege des Skipperknöchels, zur Erkundung des Ortes und zum Besuch eines Pizzeria-Containers, in dem ein paar junge Dänen durchaus schmackhafte Italo-Torten bereiteten. Selbst ein italienisches Bier wurde dazu gereicht.

Wieder von einem zeitlich begrenzten Windfenster getrieben, liefen wir am frühen Morgen nach der zweiten Nacht in Lundeborg aus, um gen Süden in den Svendborgsund zu segeln. Der Wind stand gut, um den Skipper zum Ehrgeiz zu motivieren, den Sund unter Segeln zu durchfahren. Trotz starken Gegenstroms bis zu rund zweieinhalb Knoten gelang dies zum allergrößten Teil, es wurde sogar ein Belegfoto davon gemacht, als unser deutsch-dänisches Nacheignerpaar uns einholte.

Bis zur Durchfahrt unter der großen Brücke westlich von Svendborg konnten wir segeln. Dort wurde der Wind dann von den Wäldern am Ufer so abgeschirmt, dass wir fast rückwärts segelten. Erst die Unterstützung unseres Dreizylinders schob uns aus dem Sund heraus. Hier mussten wir uns entschließen, wohin wir wirklich fahren wollten. Die Entscheidung fiel für Ærøskøbing aus, weil der Vorwindkurs nach Faaborg mit dem schwachen Wind zu einer zerreißenden Geduldsprobe werden würde. Mit halbem Wind ging es also mit ruhiger Fahrt gen Süden, durch die dafür gebaggerten Rinnen. Mit Ærøskøbing wurde dann auch die restliche Route unserer Reise vorprogrammiert, denn die mittefristigen Wettervorhersagen hatten wir natürlich im Blick. Über Marstal, von wo wir gekommen waren, würde es dann auch wieder gen Heimat gehen.
Aber zunächst erreichten wir nach etwas zäher Fahrt Ærøskøbing am Nachmittag des 3. August. Das Hafenhandbuch überraschte uns mit der Information, dass nur kleine Teile des Hafens für unseren Tiefgang geeignet sein würden. So war es ein ziemliches Glück, dass wir am Kopf eines Steges, angelehnt an ein etwas größeres Boot in der letzten regulären Box, festmachen konnten. Wir lagen dort zwar vor der Hafeneinfahrt, durch die der Schwell des verbleibenden Seeganges direkt für eine gewisse Unruhe sorgte, aber wir konnten direkt von Bord an den Steg, ohne über andere Boote klettern zu müssen. Das sanfte Knartschen der fünf Fender, die uns gegen das größere Boot sicherten, sollte nicht für Schlaflosigkeit sorgen. Ein Spaziergang am Tag nach unserer Ankunft führte uns zur Bucht nordwestlich der Landzunge oberhalb des Hafens. Dort stehen wie an einer Kette die kleinen Badehäuschen, die von den Dänen als Stranddomizil genutzt werden. Außerdem ankerten in der malerischen Bucht diverse Boote, etwas weiter draußen die königlich-dänische Yacht.

In der zweiten Nacht wurden wir geweckt durch ein spektakuläres Gewitter mit sintflutartigem Regen (und zum Glück ohne extreme Böen) zwischen zwei und drei Uhr, das direkt über unsere Köpfe hinweg ging. Das Schauspiel kam nicht unangekündigt, aber überrascht hat es uns dennoch durch die Intensität der Blitze und des Niederschlags. 

Für den kurzen Rest der Nacht wurden unsere Träume durch die Eindrücke des Gewitters bestimmt. Unausgeruht krochen wir gegen fünf Uhr morgens aus der Koje. Viel länger wollten wir ohnehin nicht schlafen, denn nach der Gewitterzelle war eine Phase ruhigen Wetters angesagt, das wir für die Fahrt nach Marstal nutzen wollten. Dort würden wir mindestens einen Tag, vielleicht zwei, bleiben müssen, denn ein knackiger Weststurm war angekündigt, der bereits am Nachmittag aufbrisen sollte. Also liefen wir sehr früh aus Ærøskøbing aus und segelten problemlos durch die Rinnen, wobei man auf dem Weg nach Marstal einen tüchtigen Umweg hinnehmen muss.
Entsprechend unserer ultrafrühen Abfahrt war ebenfalls die Ankunft sehr früh. Eine Perlenkette auslaufender Boote kam uns entgegen, als wir in Marstal ankamen. Entsprechend zuversichtlich machten wir uns auf die Suche nach einer Box, was auch schnell gelang. Der noch lange Rest des Tages bestand aus Nachholen von Schlaf, Trocknen von Ausrüstung, Klarschiffmachen für wahrscheinlich die kommenden zwei Tage.
Der erste Tag hielt, was die Wetterprognosen versprachen. Am späten Vormittag frischte der Wind auf, weiter und weiter, bis er am Nachmittag stürmische Stärke erreichte. Unser Anemometer zeigte im vor Westwind geschützten Hafen bis über 30 Knoten Wind, draußen auf See wird es deutlich mehr gewesen sein. Wir genossen die Sicherheit des Hafens unter unserer Kuchenbude und verfaulenzten den größten Teil des Tages. Eine gedoppelte achterliche Luvleine haben wir trotzdem angebracht, und wir waren mit dieser Maßnahme nicht allein.

Die beiden Tage in Marstal waren erholsam und trotz des Geheules des Windes einfach schön. Es gab nochmal Pommes und mindestens eine sternklare Nacht. 

Außerdem haben wir uns mit einigen dänischen Lebensmitteln eingedeckt, die uns an die schöne Urlaubszeit erinnern werden, wenn wir morgen nachhause gesegelt sein werden und die Sommerreise der Santanita 2026 beendet sein wird.

Eine wichtige Erkenntnis soll noch vermittelt werden:
Das heiße Öl in der Kombüsenpfanne läuft auf die Leeseite.

fin 3W26.